Die Neobroker boomen wie noch nie, Milliardenbewertungen beflügeln Aktienfantasien und so viele Deutsche wie nie greifen in das Wertpapier-Regal:

Michael Bußhaus, Geschäftsführer. Quelle: justTRADE

„Ist ja auch logisch, die Sparzinsen werden vermutlich noch lange negativ bleiben“ sagt Ex-Onvista-Mann und jetziger Co-Chef vom Frankfurter 0€- Broker justTRADE, Michael B. Bußhaus, im blogtalk bei Blogsparen. Bußhaus muss wissen was er sagt, er hat schon Jahrzehnte am Finanzmarkt hinter sich und von der Kreissparkasse Köln über Deutsche Bank und comdirect eigentlich auch schon alles gesehen. Besonders imponiert hat mir aber die Offenheit, mit der wir sprechen konnten. Zuallererst war er sich nicht zu schade, mir persönlich auf meine allgemeine Anfrage an justTRADE zu antworten. Mails an andere Neobroker sind nicht selten im Marketing-Nirvana verloren gegangen oder wurden einfach sofort abgelehnt. Herrn Bußhaus habe ich direkt anderntags am Brückenfreitag persönlich an die Strippe bekommen – hier schon einmal vielen Dank dafür!

Corona als Umsatztreiber

2020 war in vielerlei Hinsicht ein besonderes Jahr und sowas wie der Startschuss für die Smartphone-Broker Szene. „Hätten wir einen Neobroker vor fünf Jahren ohne Xetra-Anbindung gegründet, die Sache wäre wohl nicht erfolgreich geworden“, so sein Kommentar zum Marktumfeld, „wir sind mit der Entwicklung in 2020 sehr zufrieden“. Auf die Nachfrage, welche Zahlen das konkret seinem Unternehmen gebracht hat, möchte er nicht antworten. Man kann’s ja mal versuchen. Ob er mit Neid auf die Konkurrenz blickt, die mit einer Dreiviertelmilliarde VC und Milliardenbewertung nun so richtig durchstarten kann, antwortet er mit einem klaren „Nein!“. Der Ansatz von justTRADE sei in gewisser Hinsicht ein anderer, zumal die Zielgruppe mit dem Durchschnittsalter von 45 Jahren ohnehin auch auf größere Volumina abziele. „Nur wer sechsstellige Orders platzieren will, der ist ohnehin wegen den größeren Handelbarkeit bei Xetra besser aufgehoben“, so der Tipp an die vermögenderen Kunden. Klar sei auch, dass TradeRepublic mit der Order ohne Mindestbetrag ein anderes Klientel anspräche, nämlich diejenigen, die eher mal zwischendurch einen Trade durchführen wollten und weniger die großvolumigen Buy-and-Hold-Trades. Vor allem aber sei der klassische justTRADE-Kunde im Schnitt mit 45 Jahren älter und bereits erfahrener als die der Wettbewerber, die vor allem auf das junge Publikum und die Einsteiger im Markt abzielt, „zudem bietet justTRADE auch die Möglichkeit, über den Desktop zu handeln.“ Hier unterscheidet sich das Angebot maßgeblich von einigen anderen Neobrokern, die sich auf das Smartphone spezialisiert haben.

Verwahrentgelt auf dem Verrechnungskonto

Viele Banken nehmen aktuell sogenannte Verwahrentgelte, auch Minuszinsen genannt. Für das Verrechnungskonto, das der Kontoinhaber bei der Sutor Bank führt, werden ebenfalls Negativzinsen in Rechnung gestellt, weil „justTRADE keine Möglichkeiten hat, diese wie andere Broker über Oderentgelte oder Depotgebühren quer zu subventionieren“, wie er betont. Lediglich Marginalsummen unter 10€ werden kostenfrei verwahrt. Laut FAQs sei dies im Rahmen der 0€-Policy aber für den Kunden vertretbar. Bereits 2020 ist justTRADE in den Krypto-Handel eingestiegen, damals mit Bitcoin, Etherium und anderen. Auf die Frage, ob der Launch von TradeRepublics Kryptohandel die eigenen Umsätze drücken könnte, verweist Bußhaus auf die „günstigeren Handelskosten und den kleinen Mindesteinstieg von nur 50€ je Trade“. Für Wertpapiere gilt bei justTRADE ein Mindestkaufvolumen von 500€, „andernfalls könnten wir nicht kostendecken arbeiten“, so der Börsenexperte.  justTRADE wickelt seit Kurzem Orders über drei Marktplätze ab: L&S, Quotrix und Tradegate. Mit etwas Stolz erklärt Bußhaus, „dass der Kunde bei justTRADE im optimalen Fall für ein und die selbe Order drei Kurse zur Verfügung stehen hat und somit die Wahlmöglichkeit hat. Durch Anlehnung an den Referenzmarkt Xetra können im Übrigen während der Börsenzeiten enge Spreads angeboten werden“; dass sich die Spreads nach Xetra-Handelsschluss möglicherweise auseinanderentwickelten wollte er zumindest nicht dementieren. „Wir haben in Deutschland aktuell mit 12 Regionalbörsen einen Luxus, den wir eigentlich gar nicht brauchen. Anders als im Ausland sind hier aber in der Regel alle wichtigen Aktien handelbar, schon in Paris bei der Euronext kann man kein Microsoft ordern“.

„Wir werden wachsen“

Mit der Geldspritze wird TradeRepublic auch marketingtechnisch in ganz neue Dimensionen vorstoßen. Aktuell wird in der Branche für einen Affiliate-Lead bis zu 100€ gezahlt. Viel Geld, das durch Trades erstmal wieder reingeholt werden muss. „Wir konzentrieren uns bei der Kundengewinnung u.a. auch auf Affiliate-Portale. Zudem sind wir auf Facebook und Instagram sehr präsent. Auch wenn wir bei Twitter noch nicht viele Follower haben: Wir bemühen uns, auch dort kurzfristig bei Problemen weiterzuhelfen.“ In der Tat, justTRADE hat bei Social Media noch etwas Nachholbedarf. Wenn man aber auf die Kundengruppe (s.o.) blickt, rücken andere Marketingmaßnahmen in den Vordergrund. Größere Auswahl, mehr Märkte, bessere „Customer Journey“.

Blogsparen: Und wo wird justTRADE in 3 Jahren stehen?

„Der Kunde wird auch zukünftig mehrere Depots haben. Wenn wir nur Zweitdepot sind, ist das für uns in Ordnung. Ein Depot für langfristiges Investieren, eines für den kleinen Zock zwischendurch und vielleicht noch eines für die Dividendenstrategie. Hier gilt es auch noch die Besonderheiten der Quellensteuer zu beachten, die für ausländische Ausschüttungen anfallen können. Für viele Depotbanken ist es schlicht nicht wirtschaftlich, den Service der Verrechnung anzubieten.“

Blogsparen: Herr Bußhaus, ich bedanke mich sehr für das freundliche und offene Gespräch, wünsche viel Erfolg mit dem Geschäftsmodell und Gesundheit.

 

 

 

 

Von JL

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